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Die Kluft zwischen Schule und Arbeitswelt und Ansätze zu ihrer Überwindung

I  Die Kluft zwischen Schule und Arbeitswelt

 

Die Arbeitswelt ändert sich dramatisch. Kein Stein bleibt bei diesem Umbruch auf dem anderen. Das Verhältnis zwischen Schule und Arbeitswelt ist davon ebenfalls betroffen. Die bisherigen schulischen Bemühungen zur beruflichen Orientierung von Schülern und Schulabgängern reichen nicht mehr aus und sind teilweise kontraproduktiv geworden; die bisherige Normalbiographie verliert ihre Gültigkeit, d.h. der formale Schulabschluß, die schulische Sozialisation und das Gelernte garantieren nicht mehr den Anschluß an die Arbeitswelt. An die Stelle des nahtlosen Übergangs von der Schule in die Arbeitswelt ist eine Kluft getreten.

 

Die Schulabgänger sind die Leidtragenden dieser Kluft; viele von ihnen stürzen mit Verlassen der Schule in dieses schwarze Loch. Unsicherheit, Frust, Orientierungslosigkeit, Perspektivlosigkeit, gepaart mit Überforderung machen sich unter ihnen breit.

 

Daß diese Situation nicht von der Hand zu weisen ist, zeigen Unmutsäußerungen von Schulabgängern selbst. Hier ein Beispiel einer Gymnasiastin, die das Schicksal ihres Jahrgangs beschreibt: "Viele scheitern an ihrer Unfähigkeit, Entscheidungen zu treffen oder Ziele überhaupt zu formulieren. Zu lange haben sie nur das getan, was andere von ihnen verlangten. Wichtig waren während unserer gesamten Schulzeit nur die nackten Ziffern, die das Zeugnis zu einem Türöffner ins nächste Jahr machten..."

 

"Die Angst wächst. Nur unterschwellig, versteht sich. Kaum einer würde zugeben, nicht zu wissen, wo´s langgeht. ..."

 

"Unsicher schlittern wir nun vorwärts. Unsicher und ängstlich, weil es nie eine wirkliche Interessensfindung gegeben hat, unsere Köpfe wurden hervorragend trainiert, nur, was von dem Gelernten uns selbst angeht, haben wir nie herausgefunden..." (ZEIT vom 1. 8.1986, S. 40: "Nicht wissen, wo es langgeht").

 

II  Zusätzliches Rüstzeug für Schulabgänger

 

Die Ausgangsbedingungen der Schulabgänger für den fraglos schwierig gewordenen Übergang ins Arbeitsleben können und müssen in der Schule verbessert werden. Die Frage ist nun, welches Rüstzeug ihnen mit auf den Weg zu geben ist und wie das bewerkstelligt werden kann.

 

1. Verständnis der Arbeitswelt

 

Schüler und Schulabgänger bedürfen einem Verständnis von der Arbeitswelt, in die sie über kurz oder lang entlassen werden. Damit werden sie befähigt, sich mit der Situation "draußen" wirklich zu beschäftigen und sich zu ihr ins Verhältnis zu setzen. Die Schule hat dafür Sorge zu tragen, daß Schüler über die Umbrüche in der Arbeitswelt (Veränderung der Beschäftigungsverhältnisse, Veränderung der Arbeitsinhalte- und anforderungen, Entstehung neuer Berufsbilder, das Problem der Beschäftigungslosigkeit) unterrichtet werden, daß Schüler über die Ursachen und Hintergründe (Technologische Entwicklung, Rationalisierung und Globalisierung) anschaulich in Kenntnis gesetzt werden und daß mit ihnen über die Folgen für den Einzelnen (Möglichkeiten und Chancen, Herausforderungen und Risiken) gesprochen wird. Darüber hinaus sind mit ihnen grundsätzliche Fragen der Zukunft der Arbeitsgesellschaft zu behandeln: Wohin entwickelt sie sich? Welche Arbeits- und Lebensformen kommen auf uns zu? Welche sind in Ansätzen schon zu erkennen? Welche Szenarien sind bisher entwickelt worden? Welche Gestaltungsmöglichkeiten erwachsen daraus für die kommenden Generationen und wie können in der Schule modellhaft  diese Möglichkeiten geübt werden, um sie später ins Leben übertragen zu können?

 

Diese sachliche Darstellung ist durch einen persönlichen Bezug der Schüler zum Thema zu ergänzen, so daß ein individuelles Nachdenken über den eigenen beruflichen Weg bereits in der Schule einsetzen kann. Nach dem letzten Schultag steht mit einem Schlag "der Ernst des Lebens" vor den meisten Schulabgängern. Deshalb hat das Nachdenken und Vorbereiten auf das Arbeitsleben ausführlich in der Schulzeit zu geschehen, weil sonst die Wucht der Anforderungen und der Sachzwänge die Schulabgänger überfordert.

 

Die Vermittlung dieses Wissens erfordert Offenheit im Unterricht. Nichts schadet mehr, als die Zeit nach der Schule zu beschönigen oder zu verschweigen - nach dem Motto: "Den Ernst des Lebens erfahren die Schüler ja noch früh genug." oder: "es reicht, wenn die Schüler die Probleme, die das Arbeitsleben mit sich bringt, nach der Schule kennenlernen." Das Verschweigen hat auch gar keinen Wert, denn die Schüler bekommen die Krisenstimmung bzw. Problematik so oder so mit: sei es durch Eltern, durch Freunde, durch Medien - und nicht zuletzt durch das Schüler-Lehrer-Verhältnis selbst, welches die Schüler gewahr werden läßt, daß für ihre Lehrer das Arbeitssystem sichere Arbeit und Einkommen bietet, während es für sie Unsicherheit, Ungewissheit und die Gefahr der Arbeitslosigkeit bereithält.

 

Fast jede Jugendstudie aus der jüngsten Vergangenheit hat gezeigt, wie sehr die Frage nach der beruflichen Zukunft die Jugend beschäftigt. Wenn nicht darüber gesprochen wird, wenn das Thema unter den Tisch gekehrt wird, ist es eben auf andere Art und Weise präsent:  bei Schülern tauchen Resignation oder Anpassung auf, Verlust an Glaube, daß Schule was bringt; bei Lehrern Frust, die sich fragen, was sie ihren Schülern mit auf den weiteren Lebensweg geben können.

 

2. Schlüsselqualifikationen

 

Roboter, Automaten und Computer übernehmen mehr und mehr der existierenden Erwerbsarbeit. Dieser Prozeß der Rationalisierung hat bisher nur die sogenannten einfachen bzw. repetetiven Arbeiten (zum Beispiel: Fließbandarbeit oder Geldabheben) betroffen. Da die Leistungsfähigkeit und Komplexität von Computern exponentiell zunimmt (!), geraten zunehmend auch andere Arbeitsbereiche in die Rationalisierung.

 

Der Schwerpunkt der menschlichen Arbeit verschiebt sich dadurch auf Tätigkeiten, die allgemein gekennzeichnet sind von Problemstellungen, deren Lösung Computer nicht leisten können (zum Beispiel: Forschung, Produktentwicklung, Anwendung und Entwicklung neuer technischer Möglichkeiten, Marketing, Organisationsentwicklung, Strategische Aufgaben, soziale, künstlerische, kulturelle Aufgaben).

 

Diese Tätigkeiten erfordern bestimmte Kompetenzen, sprich: Schlüsselqualifikationen. Zu ihnen gehören unter anderem Problemlösungsdenken und Lernfähigkeit, Eigeninitiative und Unternehmensgeist, Kreativität und Kooperationsfähigkeit.

 

Welche die Schule davon auch immer vermitteln will, sie muß sich darüber im klaren sein, daß diese Schlüsselqualifikationen nicht im herkömmlichen Unterricht beigebracht, nicht wie Vokabeln gelernt werden können. Sie können nur durch praktisches und individuelles Lernen bzw. durch Erfahrungen erworben werden und dies verlangt andere Unterrichts- und Lehrformen, eine andere Pädagogik und andere Funktionen des Lehrers als sie in der Schule vorherrschen.

 

Die herrschende Form des Unterrichts bzw. das faktisch vorherrschende Ziel ist die sogenannte Wissensvermittlung. Wissensvermittlung führt dazu, daß Schüler mit viel "Wissen", aber wenig "Können" aus der Schule kommen. Es nützt jedoch nichts, wenn der Schüler "weiß", was Unternehmensgeist ist oder wenn er einen Aufsatz über Eigeninitiative schreiben kann. Es kommt darauf an, daß er es ist.

 

Wissensvermittlung bedeutet eine Unterrichtsform, bei der Schüler einem gleichmachenden Unterricht ausgesetzt sind. Obwohl sie unterschiedliche Menschen sind mit unterschiedlichen Lernbedingungen, müssen alle unter der gleichen zeitlichen, inhaltlichen, methodischen, organisatorischen Lernsituation lernen. Was für den einen dabei förderlich sein mag, ist für den anderen repressiv und entmutigend. Das heißt: Diese Unterrichtsform fördert und fordert den Einzelnen viel zu wenig. Hinzu kommt, daß in einer Schulklasse von 20 bis 30 Schülern dem Einzelnen gar nicht die notwendige Aufmerksamkeit geschenkt werden kann. Eine Klasse dieser Größenordnung erlaubt keine individuelle Entwicklung, sondern führt eher zu einer Mischung aus Anpassung, Überforderung und gleichzeitiger Unterforderung, die beim Einzelnen eher Langeweile, Desinteresse und innere Kündigung hervorrufen.

 

Wissensvermittlung, in der Regel mittels Frontalunterricht, bedeutet, daß nicht das Verhältnis von Schüler und Lerngegenstand im Mittelpunkt steht, sondern der Lehrer, der zwischen beiden steht. Der Schüler lernt weniger den Gegenstand kennen, als vielmehr das besondere und häufig das theoretische Wissen des Lehrers über den Gegenstand.  Das aber tötet jedes wirkliche Interesse am Stoff.

 

Es kommt erschwerend die Überbewertung des Notengebens hinzu. Sie hat eine Fixierung auf  Noten bei den Schülern erzeugt, so daß bezüglich der Ergebnisorientierung die Frage nach der Note die Frage nach dem, was man eigentlich gelernt hat, verdrängte.

 

Die Aneignung von Schlüsselqualifikationen ist also nicht durch herkömmlichen Unterricht zu haben. Schlüsselqualifikationen sind kein Selbstzweck, sondern Fähigkeiten, die einem helfen, Arbeits- wie auch andere Lebenssituationen zu meistern. Sie können daher auch nur in Lebens- und Arbeitszusammenhängen angeeignet werden. Diese Zusammenhänge, die von der Schule herzustellen sind, müssen echt, lebendig, wirklich und ernstgemeint sein. Dann werden die Schüler die Sinnhaftigkeit der Schlüsselqualifikationen erfahren; dann können sie eingeübt werden und sich entwickeln. Die Schule hat für solche Arbeitszusammenhänge zu sorgen, in denen an die Stelle der Belehrung und der abstrakten Wissensvermittlung Praxis- und Projektunterricht treten,

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in denen sich Schüler ausprobieren und bewähren können,

in denen sie gefördert und gefordert werden,

in denen Fehler nicht mit schlechten Noten bestraft werden, sondern erlaubt sind, damit aus ihnen gelernt werden kann.

in denen Ziele von der Idee bis zur Umsetzung verfolgt werden können,

in denen alle Schüler sich gleichzeitig einbringen können,

in denen Schüler es mit "echten" Aufgaben und Problemstellungen zu tun bekommen, die ihr Interesse wecken und zu deren Lösung sie aufgerufen sind,

in denen der persönliche Beitrag der Schüler möglich ist und ermutigt wird,

in denen die Schüler die Gelegenheit haben, sich auf den Gegenstand einzulassen.

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Insbesondere an Schulen im Ausland ( wie in Dänemark oder in den USA), aber auch punktuell an deutschen Schulen sind Bildungsreformen bezüglich Praxis- und Projektunterricht im Gange. Zwei hervorragende Reformbeispiele aus Deutschland zeigen, was auch bei uns möglich ist:

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KidS - Kreativität in die Schule
KidS ist ein Programm der Ferdinand-Freiligrath-Schule, die sich in einem sozialen Brennpunkt in Berlin Kreuzberg befindet. KidS existiert bereits seit zehn Jahren und wurde mittlerweile zu einem staatlich anerkannten Modellversuch. Die nachfolgende Beschreibung ist der Homepage der Schule entnommen: "Der Kerngedanke des Projekts besteht darin, mit Künstlern und anderen Repräsentanten aus unterschiedlichen Berufs- und Lebensbereichen die Ernsthaftigkeit und Authentizität des wirklichen (Berufs)-Lebens in die künstliche Schulsituation zu holen, ästhetische Lebensinhalte gemeinsam mit naturwissenschaftlichen durch wirkliche Fachleute in der Schule zu repräsentieren, den Schülern die Vielfalt möglicher Erwachsenenexistenz in konkreten Realprojekten erfahrbar zu machen, außerschulische Lernorte zu eröffnen und damit Schule sinnhafter zu gestalten."
"An der Ferdinand-Freiligrath-Schule arbeiten mittlerweile Computerfachleute wie Bildhauer, Handwerksmeister wie Musiker, Ingenieure wie Schauspieler, Chemiker wie Schriftsteller, Mathematiker wie Maler, Tontechniker wie Artisten, Designer wie Tänzer, Trommelbauer wie Fotografen, Sporttrainer wie Filmemacher, Kommunikationswissenschaftler wie Zauberer."
"Die Zusammenarbeit von Schülern und Lehrern mit Erwachsenen, für die Innovations- bereitschaft und Innovationsfähigkeit, Flexibilität, Phantasie und Kreativität zur Sicherung der Existenz und zum Überleben gehört, erweist sich als ein qualitativer Sprung."
"Die sich bereits kurzfristig einstellenden Erfolge waren überraschend: Die Eigenverantwortung und die Lern- und Leistungsfähigkeit der Jugendlichen stieg. Das Kriminalitätsmaß sank, zunehmend gab es für die Jugendlichen Berufswahlperspektiven und Beschäftigungsaussichten. Ehemalige Schüler sehen den wesentlichen Gewinn ihrer Erfahrung mit diesem Projekt in ihrer Bereitschaft und Fähigkeit, im eigenen Leben neue Wege auszuprobieren und sich auch bei Schwierigkeiten nicht entmutigen zu lassen." (www.freiligrath-kids.de/).

Jugend creativ
Jugend creativ" ist ein Programm des Maristengymnasiums Fürstenzell, dessen bekanntester Programmbestandteil die "Ideen- und Erfinderwerkstatt" ist. Die Schule, die schon zahlreiche Patente angemeldet und zig Erfindungsideen entwickelt hat, gilt als eine der erfindungsreichsten Schulen Deutschlands. Wie Schlüsselqualifikationen vermittelt werden und welche Lehrerrolle bedeutsam wird, geben Auszüge aus der Homepage der Schule wieder: "Jugend creativ soll den Schülern die Möglichkeit bieten, neue Formen des Lernens zu erproben. Die Rolle des Lehrers dabei ist die eines "Coaches", der motiviert, steuert und Wege aufzeigt, wie Wissen angeeignet und umgesetzt werden kann."
"Junge Menschen haben ein Recht darauf, zu erfahren und zu erproben, über welche Fähigkeiten und Fertigkeiten sie verfügen. Dazu gehört auch das Recht, ungestraft Fehler machen und daraus lernen zu dürfen. Dies wäre in einem praxisorientierten Lernen am besten möglich. Ebenso können im praktischen Lernen bzw. beim handwerklichen Arbeiten ganz wichtige Erfolgserlebnisse erworben werden, mit denen auch so manche Mißerfolge im kognitiven Lernbereich kompensiert werden könnten. Und nicht zuletzt ermöglicht praktisches Tun den Erwerb von wichtigen sozialen Kompetenzen, wie beispielsweise Teamfähigkeit." (www.mgfzell.org/).

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3. Ein erstes  berufliches Ziel für die Zeit nach der Schule

 

Zu einer guten Vorbereitung für den Übergang von der Schule in die Arbeitswelt gehört die Entwicklung eines ersten beruflichen Ziels des Schulabgängers. Mehr noch: Das bewußte Heraus- arbeiten einer wirklichen und ernstgemeinten Idee für eine Tätigkeit ist notwendige Voraussetzung für den Start ins Arbeitsleben geworden. Zum einen, weil eine konkrete Vorstellung von dem, was man wirklich tun will, dem Schulabgänger eine Orientierung verschafft und das nötige Engagement bewirkt, sich um seine Zukunft zu kümmern bzw. sein Ziel von sich aus zu verfolgen. Zum anderen, weil es schlicht und einfach eine Tatsache ist, daß sehr viele Schulabgänger ohne wirkliche Präferenzen und ohne eine nachhaltige Entscheidung auf die Arbeitswelt losgelassen werden und damit den Anforderungen der Arbeitswelt nicht gerecht werden.

 

Die herkömmliche  Berufswahl orientiert sich im wesentlichen an äußeren Kriterien wie Modeberufe, Verdienstmöglichkeiten, Sicherheit, vakante Stellen, usw. Oder man orientiert sich an dem, was andere tun. Diese Kriterien reichen nicht aus; sie sind notwendigerweise zu erweitern um eine individuelle Berufsfindung.

 

Ein weiterer wichtiger Einwand gegen die althergebrachte Form der Berufswahl ist, daß das Wählen Wahlmöglichkeiten voraussetzt, die so nicht mehr gegeben sind. Der Mangel an Stellen bzw. die Konkurrenz der Bewerber um offene Stellen läßt dann an die eigentliche Berufswahl den Sachzwang treten, nur irgendwie und irgendwo "unterzukommen". Auf gut deutsch: man nimmt, was man kriegt. Alle anderen Bestimmungsfaktoren treten in den Hintergrund.

 

Wer sich aber so verhält, der hat gerade die geringsten Chancen, zu einer Stelle zu kommen, sie zu behalten oder hinterher übernommen zu werden. Der Wettbewerb im allgemeinen und der Wettbewerb um Ausbildungs- wie Arbeitsstellen bedeutet, daß Arbeitgeber sich die geeignetsten Bewerber aussuchen können und müssen. Das tun sie auch. Man muß sich nur einmal vor Augen führen, welchen Aufwand Arbeitgeber mittlerweile treiben, um aus der Vielzahl der Bewerber ihre künftigen Auszubildenden oder Mitarbeiter zu rekrutieren.

 

So gewinnt nicht mehr der den Wettbewerb um eine Stelle, der das beste Bewerbungsschreiben vorlegen kann, sondern der, der ein Interesse und ein Wollen zu einem bestimmten Beruf mit bringt. Gerade diesen letzten Aspekt, daß Schüler etwas Bestimmtes wirklich nach der Schule tun wollen, findet man selten vor. Daß dieser Aspekt nicht irgendeiner ist, sondern notwendige Bedingung für die Arbeitswelt von morgen, darauf verweist Frithjof Bergmann, der zu den international renommiertesten Vordenkern bezüglich der Zukunft der Arbeitsgesellschaft gehört (www.newwork.net).

 

An die Stelle der herkömmlichen Berufswahl muß die systematische Entwicklung eines ersten persönlichen Berufszieles bzw. einer bestimmten Arbeitsidee treten. Eine Berufsfindung dieser Art sucht gemeinsam mit den Schülern Antworten auf Fragen wie: Welche Fähigkeiten und Stärken habe ich und kann ich entwickeln? Was sind meine Interessen und wie kann ich diese beruflich einbringen und verwerten? In welchem Beruf kommen meine Fähigkeiten, mein Können, meine Neigungen und Interessen zur Geltung? Welche Arbeit will ich wirklich tun? Welcher Beruf liegt bzw. paßt zu mir? In welchem Beruf entwickle ich mich?

 

Methoden, die in dieser Richtung arbeiten, gibt es noch wenige, aber es gibt sie. Beispielsweise gehört die Bolles-Methode dazu:

 

"Der erste Schritt besteht in einer genauen Analyse der eigenen Fähigkeiten. Dabei wird der Tatsache Rechnung getragen, dass die meisten für sich selbst gar nicht wissen, was sie wirklich gut können.

 

Im zweiten Schritt geht es darum, bewusst nach den persönlichen Vorlieben und Neigungen Entscheidungen zu treffen und berufliche Ziele zu definieren, bei denen die Augen zu leuchten beginnen: Nicht alles, was man gut macht, macht man auch gerne. Aber was man gerne macht, macht man auch gut und wird damit letztlich erfolgreich sein.

 

Der dritte Schritt: Je genauer man weiß, was man will, desto eher findet man es. Mit einer genauen beruflichen Zielvorstellung eröffnen sich völlig neue Perspektiven und Aktionsmöglichkeiten bei der Suche nach dem geeigneten Job, vor allem auf dem verdeckten Stellenmarkt." (aus: Richard Nelson Bolles: Durchstarten zum Traumjob, S. 10, Campus-Verlag, Frankfurt/Main, New York, 3. Auflage 2000).

 

4. Begegnungen mit der Arbeitswelt

 

Niemand, der sich ein paar neue Schuhe kaufen will, wird dies nur nach dem Aussehen im Schaufenster tun. Jeder weiß, daß es bei Schuhen vor allem darauf ankommt, daß sie wirklich passen. Sie müssen ausprobiert werden. Was für Schuhe gilt, gilt umsomehr für den Beruf. Die Berufsfindung ist eine Angelegenheit der Praxis.

 

Es ist unglaublich, wieviele junge Menschen ihren Beruf nur nach dem "Aussehen", dem "Hören-Sagen", dem "Trend", dem "Zeitgeist" auswählen oder es gar einfach dem Zufall überlassen. Damit so wenig wie möglich Schulabgänger diesen Fehler begehen und falschen Vorstellungen aufsitzen (das passiert leicht, angesichts der raschen Veränderung von Berufsbildern und Inhalten), ist eine genaue Kenntnis und Erfahrung der Berufe, für die man sich interessiert, vonnöten. Damit dieses Kennenlernen der Berufe, wie der Arbeitswelt im allgemeinen, erfolgen kann, muß sich die Schule nach außen öffnen und Beziehungen zur Arbeitswelt ermöglichen. Solche Beziehungen können unterschiedlichster Art sein:

 

Es gibt Schulen, die geben ihren Schülern die Gelegenheit, eine ganze Reihe von Praktika zu absolvieren, um die Arbeitswelt und Berufe zu erfahren, um unterschiedliche Berufe miteinander vergleichen zu können.

 

Daneben gibt es die Möglichkeit, mit Berufsvertretern Kontakte und Austausch zu pflegen. Die Schüler können dann konkrete Vertreter der Arbeitswelt kennenlernen, aus der Praxis über Berufe erfahren und ihre Fragen loswerden. Darüber hinaus bekommen sie Informationen, die in keiner Broschüre zur Berufsorientierung zu lesen sind, womit sie eine nützliche Ergänzung zur Information durch BIZ und Arbeitsamt darstellen (Beispiel: www.blik.org).

 

Wenn man will, kann diese Maßnahme intensiviert werden, indem jeder künftige Schulabgänger von einem Mentor begleitet wird, der den Beruf oder das Arbeitsfeld repräsentiert, für den sich der junge Mensch interessiert. Das Mentoring erlaubt eine Beziehung über eine längere Zeit hinweg, die zu viel Informationsaustausch und Hilfestellung führt (siehe zum Beispiel: www.telementoring.de).

Last but not least sei die Möglichkeit der Patenschaft eines Unternehmens für eine Schule genannt. Eine solche Patenschaft kann die unterschiedlichsten Ausprägungen annehmen: Mitarbeiter des Unternehmens unterrichten in der Schule, Schüler arbeiten an unternehmerischen Projekten, Schüler lernen ein Unternehmen ganz und mit all seinen Funktionen kennen.

Durch solche Begegnungen lernen die Schüler die Arbeitswelt im allgemeinen und bestimmte Berufe und Unternehmen insbesondere kennen, sie machen Erfahrungen, die ihnen die berufliche Entscheidung außerordentlich erleichtern und sie werden in die Lage versetzt, eigene Brücken in die Arbeitswelt zu schlagen.

 

III Stiftungen als Partner der Schulen

 

Schulen, die sich dieser Aufgabe bzw. Herausforderung stellen, haben in der Regel einen erheblichen Mehraufwand: Neue Unterrichtskonzepte wollen entworfen werden, Projekte sind zu entwickeln, Abstimmungen mit den Lehrplänen sind erforderlich, Verhandlungen mit dem Bildungsministerium sind zu führen, das Lehrerkollegium ist dafür zu gewinnen, Beziehungen zur Arbeitswelt sind zu knüpfen, Netzwerke zu organisieren, die Schulöffnung im allgemeinen ist zu betreiben usw.

 

Spätestens mit Beginn der Durchführung der neuen Unterrichtsformen kommen auf die betreffende Schule ein Mehrbedarf an Personal und Sachmittel zu und damit zusätzliche Kosten. An dieser Stelle dürfen die bereitwilligen Schulen nicht alleine gelassen werden, sondern benötigen finanzielle Unterstützung - von öffentlicher wie von privater Seite. Aus eigenen Mitteln können sie die Finanzierung nicht bestreiten und Fund-Raising ist für viele Schulen noch ein Fremdwort.

 

Die Zusammenarbeit mit entsprechenden Stiftungen kann hier für die Schulen eine Möglichkeit sein, Finanzmittel zu bekommen. Zahlreiche Beispiele zeigen bereits, daß diese Kooperation in der Praxis tatsächlich auch funktioniert. Stiftungen stellen dabei für einen bestimmten Zeitraum Fördermittel zur Verfügung, insbesondere wenn es sich um die Initiierung neuer Ansätze oder um modellhafte Projekte handelt. Darüber hinaus gibt es aber auch Fälle, in denen Stiftungen Schulen beraten, mit ihnen Konzepte entwickeln, ihr Know-how zur Verfügung und sie in ihre Netzwerke einbinden.

 

Eine solche Kooperation soll hier am Beispiel der Aral-Stiftung konkret und beispielhaft geschildert werden. Die Aral-Stiftung wurde 1998 von der Aral AG im Rahmen ihrer Private-Public-Partnership-Initiativen gegründet. Private-Public-Partnership meint die privat-öffentliche Zusammenarbeit mit dem Ziel, gemeinsam gesellschaftliche Probleme zu lösen. Zweck der Aral-Stiftung ist es, einen Beitrag zur Vorbeugung und Überwindung der Jugendarbeitslosigkeit im Ruhrgebiet zu leisten. Neben der Unterstützung innovativer Qualifizierungsprogramme für junge Arbeitslose, fördert die Aral-Stiftung Programme zur Verringerung der Kluft zwischen Schule und Arbeitswelt, um insbesondere benachteiligten Schulabgängern den Übergang in Ausbildung und Arbeit zu ermöglichen. Zwei solcher Programme mit Schulen, die die Aral-Stiftung mit auf den Weg gebracht hat bzw. finanziell unterstützt, werden im folgenden vorgestellt:

 

Lernwerkstätten

 

Die Werner von Siemens-Hauptschule in Bochum hat seit Beginn dieses Schuljahres unterschiedliche Lernwerkstätten eingerichtet. Schüler der 9. Klasse können auf freiwilliger Basis eine davon auswählen und diese zwei Jahre lang besuchen. Jede Lernwerkstatt wird von einem erfahrenen Berufsexperten geleitet. Ziel des Programmes ist die Vermittlung von Schlüsselqualifikationen und eine individuelle berufliche Orientierung mittels einer Vorqualifizierung. Haben die Schüler das Programm über zwei Jahre erfolgreich besucht, wird ihnen von der ortsansässigen Kreishandwerkerschaft ein Ausbildungsplatz garantiert.

 

Mit diesem Projekt wird zugleich erreicht, daß die Zahl ausbildungsfähiger Hauptschulabgänger systematisch erhöht wird. Dadurch wird dem Phänomen entgegengewirkt, daß für die offenen Ausbildungsstellen, die es trotz Jugendarbeitslosigkeit gibt und nicht besetzt werden können, mehr geeignete Schulabgänger rekrutiert werden.

 

Projektklassenmodell

 

An fünf Bochumer Hauptschulen begann ab diesem Schuljahr ein Programm mit dem Titel: "Projektklassenmodell". Das Programm wendet sich an Minderqualifizierte, Schulmüde und Frühabgänger, die, aus Sicht des Arbeitsmarktes, zu den potentiellen Arbeitslosen von morgen gehören. In diesem Modell werden sie rechtzeitig aufgefangen, bevor "das Kind in den Brunnen gefallen ist", sprich: sie entweder in den Maßnahmen des Arbeitsamtes für junge Arbeitslose landen oder mit Austritt aus der Schule in der Versenkung verschwinden, um Jahre später als Langzeitarbeitslose wieder aufzutauchen und dann die Kosten einer Reintegration, soweit diese überhaupt möglich ist, wesentlich höher sind.

 

Programmziele der Projektklassen sind: Erreichung des Hauptschulabschlusses als schulische Mindestqualifikation, Förderung der Berufsreife mittels Projektunterricht und Vermittlung von Basisqualifikationen sowie die systematische Vorbereitung und Unterstützung beim Übergang in Ausbildung bzw. Arbeit.

 

Die Projektklasse stellt eine Reform des Schulunterrichts dar. Der herkömmliche Unterricht wird reduziert (die Kernfächer bleiben davon unberührt und können durch Nachhilfe und Kleingruppenarbeit sogar gestärkt werden); in der frei gewordenen Zeit findet Praxislernen statt - in Form von Projektunterricht, Praktika und individueller Berufsorientierung. Im Mittelpunkt des Praxislernens steht jeweils ein handfestes Projekt, das die Schüler unter Anleitung von der Idee bis zur Realisierung umsetzen: so baut und betreibt die eine Projektklasse ein Kiosk auf dem Schulhof, während eine andere eine "Waldschule" restauriert. Das Projekt, das es jedem Schüler erlaubt, sich individuell einzubringen, dient der Vermittlung von Teamfähigkeit, dem Wecken von Interesse und vor allem dem Ausprobieren einer ganzen Reihe von Berufsfeldern. Aus dem Projekt heraus werden dann mit Hilfe von Sozialarbeitern die weiteren beruflichen Orientierungen abgeleitet und in Praktika umgesetzt. Durch diese wird eine praktische Berufsfindung ermöglicht und zugleich Kontakte in die Arbeitswelt hergestellt, um Ausbildung oder Qualifizierung auf die Schule folgen zu lassen.

 

Autor:

 

Günter Thoma

Der Autor ist Geschäftsführer der BP Stiftung.

 

Kontakt-Adresse: 

 

Deutsche BP Stiftung

Hattinger Str. 348 in 44795 Bochum

Tel. 0234-4524874

E-mail: infobp-stiftung.de

 

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